Wellpappe im CSRD‑Reporting: Exakte Berechnung des Materialeinsatzes

Ein praxisnaher Leitfaden

Management Summary

Die Berechnung des unternehmensspezifischen Recyclingpapieranteils in Wellpappenverpackungen gewinnt aufgrund steigender regulatorischer Anforderungen, Transparenzpflichten, freiwilliger Berichterstattung und Kostenoptimierungszielen stark an Bedeutung. Der Leitfaden zeigt anhand eines strukturierten Vorgehens, wie externe Branchenstandards – insbesondere Sortenlisten, Wellenarten und Einzugsfaktoren – mit den internen Daten des Unternehmens kombiniert werden, um den tatsächlichen Papiereinsatz zu bestimmen. Er erläutert Schritt für Schritt, wie aus Grammaturen, Wellengeometrien und Verbrauchsmengen belastbare Aussagen zu Mengenanteilen von Frischfaser und Recyclingpapieren abgeleitet werden können und ermöglicht damit eine nachvollziehbare, datenbasierte Bewertung des eigenen Wellpappenbedarfs. Die Beispielrechnung demonstriert die praktische Anwendung.


Wellpappe ist das dominierende Verpackungsmaterial im B2B Umfeld. Sie ist leicht, stabil, recyclingfähig – und rückt damit zunehmend in den Fokus von Kostenmanagement, Nachhaltigkeitsstrategien und Berichterstattungspflichten.

Mit der CSRD und dem ESRS‑Standard E5 müssen viele Unternehmen erstmals den Materialeinsatz im Verpackungsbereich transparent ausweisen. Wellpappe spielt dabei eine zentrale Rolle – sie ist das meistgenutzte Verpackungsmaterial im B2B Umfeld, aber ihre tatsächliche Papierbedarfsstruktur ist oftmals nicht offensichtlich.

Viele Unternehmen wissen, dass ein hoher Anteil an Recyclingpapieren eingesetzt wird. Nur wenige können jedoch belastbar beziffern,

  • wie hoch der tatsächliche Materialeinsatz an Papier ist,
  • welchen Mengenanteil Recycling und Frischfaserpapiere im eigenen Wellpappenbedarf haben,
  • ob sie vom Branchendurchschnitt von 81,8% Recyclinganteil (VDW) abweichen.

Dieser Beitrag zeigt praxisnah und nachvollziehbar, wie Sie ihren Materialeinsatz und Recyclingpapieranteil in Wellpappenverpackungen selbst berechnen können.
Wir als HGS führen u.a. solche Berechnungen standardmäßig für unsere Kunden durch. Nachfolgend zeigen wir beispielhaft die Vorgehensweise.


Die zentrale Frage: Wie hoch sind Menge und Anteil der eingesetzten Recyclingpapiere im unternehmensspezifischen Bedarf an Wellpappenverpackungen?
Und damit verbunden:

  • Welche Papiersorten werden tatsächlich eingesetzt?
  • Wie wirkt sich die Wellenart auf den Papierverbrauch aus?
  • Wie lassen sich unterschiedliche Verpackungen zu einem Gesamtbild zusammenführen?
  • Liegt der Recyclinganteil über oder unter dem Branchendurchschnitt?

Das Grundprinzip der Berechnung

Der Schlüssel liegt in der Verknüpfung externer Branchenstandards mit internen Verbrauchsdaten.

1. Externe Daten

Diese Daten sind öffentlich verfügbar und branchenweit anerkannt:

  • Sortenliste der Wellpappenrohpapiere
    • Einteilung in Frischfaser und Recyclingpapiere gemäß European List of Corrugated Base Papers.
    • Eine Einteilung der am häufigsten eingesetzten Papiere zu Frischfaser- oder Recyclingpapiere finden Sie am Ende des Beitrags
  • Wellenarten (A, B, C, E usw.)
    • Definiert durch Wellenhöhe und Wellenteilung (VDW Standard).
  • Einzugsfaktoren je Wellenart
    • Sie beschreiben, wie viel mehr Papier durch die Wellenstruktur benötigt wird.

Diese externen Parameter sorgen dafür, dass die Berechnung vergleichbar, nachvollziehbar und prüffähig ist.


2. Interne Daten (unternehmensspezifisch)

Für jede eingesetzte Wellpappenverpackung werden benötigt:

  • eingesetzte Papiersorten (z. B. Testliner, Kraftliner, Wellenstoff)
  • Flächengewicht der Papiere (g/m²)
  • Wellenart (z. B. B-, C- oder E-Welle)
  • Gewicht pro Stück (kg)
  • Menge im Betrachtungszeitraum (idealerweise Verbrauchsmengen)

Tipp aus der Praxis: Bereits mit wenigen Hauptartikeln lässt sich oft ein sehr belastbares Gesamtbild erzeugen.


Warum die Wellenart entscheidend ist

Ein häufiger Fehler in der Praxis: Wellpappe wird wie eine „glatte“ Papierlage behandelt. Tatsächlich benötigt das Wellenpapier durch seine Geometrie mehr Material.


Der Einzugsfaktor

Der sogenannte Einzugsfaktor (w) beschreibt diesen Mehrbedarf. Er wird aus

  • Wellenhöhe (h)
  • Wellenteilung (t)

gemäß dem VDW-Standard abgeleitet und kann mit der Tenzer Formel berechnet werden:

w = 0,8 + 1,33 · (h / t)

Das Ergebnis ist ein dimensionsloser Faktor, z. B.:

  • E-Welle: 1,4323
  • B-Welle: 1,4238

Interpretation: Für eine B-Welle werden rechnerisch rund 42 % mehr Wellenpapier benötigt als für eine glatte Papierbahn gleicher Fläche. Da die Wellengeometrie von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich ist, bilden die Berechnungen einen Durchschnitt auf Basis des VDW-Standards ab.

Eine Liste der durch HGS berechneten Einzugsfaktoren für alle gängigen Wellenarten sowie die zugehörige Herleitung befindet sich am Ende des Beitrags.


Schritt für Schritt zur eigenen Berechnung

Schritt 1: Aufbereitung der eigenen Daten

  • Oft werden die eingesetzten Papiere von den Herstellern wie folgt angegeben
    • E KL 140 HZ 127 TL 120
    • TLW 125 B-WS 80 TL 125
    • BC KL 140 WS 80 WS 100 WS 80 TL 120
    Fett markiert sind die Wellenarten. Der Rest beschreibt die eingesetzten Papiereund die Flächengewichte der Papiere in g pro m².

Diese Angaben müssen pro Artikel aufbereitet werden. Die einzelnen Papiere werden über die Sortenliste dem Frischfaser (FF) - oder Recyclingpapier (RP) zugeordnet.


Schritt 2: Papierbedarf pro Quadratmeter bestimmen

  • Wellenpapiere = Flächengewicht des Wellenpapiers × Einzugsfaktor
  • Deckenpapiere werden ohne Einzugsfaktor angesetzt

So berechnet sich das Papiergewicht pro m² Wellpappe:

  • Papiergewicht pro m² = Außendecke + Welle+ Innendecke
  • Bei mehrwelligen Sorten müssen die weiteren Wellen und die Zwischendecke(n) ergänzt werden

Schritt 3: Gewichtsanteile pro Papierlage ermitteln

Für jeden Artikel wird das Gewicht jeder Lage ins Verhältnis zum Gesamtgewicht des Artikels gesetzt.

Im Beispiel für die Innendecke des Artikel #1: 120 / 441,9 = 27,1%.

Ergebnis:

  • Prozentanteil nach Sorte und Papierlage je Artikel

  • Prozentanteil nach Frischfaser- und Recyclingpapier je Artikel

Diese Anteile bleiben bei gleicher Konstruktion (Papiersorten, -grammaturen, Wellenart) pro Artikel konstant – unabhängig von der Stückzahl.


Schritt 4: Papiereinsatz im Betrachtungszeitraum berechnen

Um von den Werten pro Stück eines einzelnen Artikels auf die Werte je Artikel im Betrachtungszeitraum und von dort auf die Gesamtmenge aller Artikel im Betrachtungszeitraum zu kommen, muss das Gewicht in kg pro Stück mit der Menge im Betrachtungszeitraum multipliziert werden.

Im Beispiel für Artikel #1: 0,585 kg/St * 500.000 St. = 292.500 kg = 292,5 t.

In Summe beider Artikel beträgt der Papiereinsatz im Betrachtungszeitraum 412,9 t.


Schritt 5: Mengenanteil im Betrachtungszeitraum pro Lage berechnen

Pro Artikel wird der Papiereinsatz im Betrachtungszeitraum mit dem in Schritt 2 errechneten Prozentanteil je Lage multipliziert. So erhält man für jeden Artikel die Angabe, wieviel Tonnen je Papierlage im Betrachtungszeitraum eingesetzt werden.

Beispiel für Artikel 1: Einsatz 292,5 t x 27,1% Anteil der Innendecke = 79,3 t

Dadurch ergibt sich in Summe über die betrachteten Artikel die Gesamtmenge Papier (in Tonnen), differenziert nach

  • einzelnen Papiersorten

  • und über die Zuordnung der Papiersorten in die Kategorien Frischfaser vs. Recyclingpapier

*Branchendurchschnitt gem. VDW in 2024


Ergebnis: Ein belastbarer Recyclingpapieranteil

Das Ergebnis ist eine klare Kennzahl:

Recyclingpapieranteil am gesamten Wellpappenbedarf (in %)

In dieser Beispielrechnung beträgt der Recyclingpapieranteil 48,4% und liegt damit deutlich unter dem Branchendurchschnitt von 81,8%.

Diese Kennzahl ist:

  • datenbasiert statt geschätzt
  • branchenkonform statt individuell definiert
  • auditfähig für Nachhaltigkeits und CSRD Berichte

Typische Einsatzfelder der Ergebnisse

Unternehmen nutzen diese Berechnung u. a. für:

  • Nachhaltigkeits und CSRD Reporting (ESRS E5)
  • Bewertung von Verpackungsalternativen
  • Lieferantengespräche und Ausschreibungen
  • Identifikation von Material und Kostentreibern

Fazit

Der Recyclingpapieranteil in Wellpappenverpackungen lässt sich ohne Blackbox Modelle berechnen – vorausgesetzt, externe Branchenstandards und interne Verbrauchsdaten werden sauber verknüpft.

Unternehmen, die diese Methodik anwenden,

  • schaffen Transparenz über ihren tatsächlichen Materialeinsatz,
  • erhalten vergleichbare Kennzahlen jenseits von Durchschnittswerten,
  • und legen eine belastbare Grundlage für strategische und regulatorische Entscheidungen.

Kontaktieren Sie HGS für weitere Informationen: info@hgs-info.net

Verantwortlich für diesen Beitrag:

Thomas Kollodzey, Handelsgesellschaft Sparrenberg mbH, Brokstraße 77, 33605 Bielefeld





Grafiken und Tabellen

European List of Corrugated Base Papers

High Performance Papiere wurden aus Gründen der Vereinfachung dem jeweiligen Basispapier (TL, TLW, WS) zugeordnet.Gleiches gilt für gestrichene Papiere, die in KLW und TLW eingehen.Sollten Sie Offset bedruckte Artikel einsetzen, die in der Decke einen GD-Karton verwenden, kann die Sortenliste bei den Recyclingpapieren um einen GD-Karton erweitert, oder die Mengen hilfsweise dem TLW zugeordnet werden.

Berechnung des Einzugsfaktors nach Tenzer

Die Liste der Wellenarten nach VDW liefert Ober- und Untergrenzen für die Wellenhöhe und Wellenteilung. (VDW 2015).


Tenzer Formel (Definition und Anwendung)

Die Formel geht auf H.-J. Tenzer, Professor für Papierverarbeitungstechnik an der TU Dresden, zurück und ist seit Jahrzehnten als anerkannte Rechengrundlage in der Papier und Wellpappenindustrie etabliert. (Tenzer 1989).

  • w = Einzugsfaktor (dimensionslos)
  • h = Wellenhöhe (mm)
  • t = Wellenteilung (mm)
  • 0,8 = Basisanteil des Materialeinsatzes
  • 1,33 = Gewichtungsfaktor für den geometrischen Einfluss der Welle

Die Konstante 0,8 bildet dabei den Grundanteil des Materialeinsatzes ab, während 1,33 den Einfluss der Wellengeometrie (Verhältnis h / t) gewichtet.

Anwendung der Formel: Die Werte für Wellenhöhe (h) und Wellenteilung (t) pro Wellenart werden in die Tenzer Formel eingesetzt.

Beispielrechnung: B-Welle

VDW Grenzwerte (Stand 2015):

  • h = 2,2 bis < 3,1 mm → h̄_avg = (2,2 + 3,1)/2 = 2,65 mm
  • t = > 4,8 bis ≤ 6,5 mm → t̄_avg = (4,8 + 6,5)/2 = 5,65 mm

Einsetzen in die Tenzer Formel:

w"B" = 0,8 + 1,33 · 2,65 / 5,65 = 0,8 + 1,33 · 0,4690 = 0,8 + 0,6238 = 1,4238

Die nachstehende Tabelle zeigt den durchschnittlichen Einzugsfaktor für die Wellenarten lt. „Liste der Wellenarten“ (VDW 2025), berechnet von HGS unter Verwendung der Formel von Tenzer. (Tenzer 1989).

Berechnet nach: Tenzer, Hans-Jürgen (1989): Leitfaden der Papierverarbeitungstechnik. Fachbuchverlag Leipzig. 1. Auflage. ISBN 3 343 00448 0.

Methodikhinweis (offene Grenzen, '<' und '≥') HGS: Die VDW‑Wellenliste enthält bei einzelnen Wellenarten offene Grenzen (z. B. G: h < 0,6; K: t > 10,0). Für eine nachvollziehbare Standardrechnung wird in diesem Arbeitsblatt der jeweils angegebene Grenzwert als Rechenbasis eingesetzt (z. B. bei 'h < 0,6' wird h = 0,6 verwendet). Das ist eine konservative Annahme in dem Sinne, dass der Einzugsfaktor dadurch tendenziell eher überschätzt als unterschätzt wird, sofern die reale Größe unterhalb bzw. oberhalb der Grenze liegt.

Verwendete Quellen:

(VDW 2015)
VDW – Verband der Wellpappen-Industrie e. V.
Verband der Wellpappen-Industrie e. V. (2015): Wellenarten nach VDW (Stand 2015).
PDF-Download:https://www.wellpappe-wissen.de/data/downloads/wellenarten_2015_1.pdf


(VDW 2025)
VDW – Verband der Wellpappen-Industrie e. V.
VDW – Verband der Wellpappen-Industrie e. V. (2025): Jahresbericht 2024/2025
Zitiert im Dokument: S. 5-7
PDF-Download:https://wellpappen-industrie.de/wp-content/uploads/2025/05/VDW_Wellpappe_Jahresbericht_2025_WEB.pdf


(Containerboard Europe 2025)
Containerboard Europe (vormals Cepi ContainerBoard)
Containerboard Europe (2025): European List of Corrugated Base Papers, deutsche Fassung, S. 19.
PDF-Download:https://containerboardeurope.org/wp-content/uploads/2025/06/European-List-of-Corrugated-Base-Papers-German.pdf


(Tenzer 1989)
Tenzer, Hans-Jürgen (1989): Leitfaden der Papierverarbeitungstechnik. Fachbuchverlag Leipzig. 1. Auflage.
ISBN 3 343 00448 0.
URL:https://books.google.com/books/about/Leitfaden_der_Papierverarbeitungstechnik.html?id=hBClAAAACAAJ

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