
Management Summary
Die Berechnung des unternehmensspezifischen Recyclingpapieranteils in Wellpappenverpackungen gewinnt aufgrund steigender regulatorischer Anforderungen, Transparenzpflichten, freiwilliger Berichterstattung und Kostenoptimierungszielen stark an Bedeutung. Der Leitfaden zeigt anhand eines strukturierten Vorgehens, wie externe Branchenstandards – insbesondere Sortenlisten, Wellenarten und Einzugsfaktoren – mit den internen Daten des Unternehmens kombiniert werden, um den tatsächlichen Papiereinsatz zu bestimmen. Er erläutert Schritt für Schritt, wie aus Grammaturen, Wellengeometrien und Verbrauchsmengen belastbare Aussagen zu Mengenanteilen von Frischfaser und Recyclingpapieren abgeleitet werden können und ermöglicht damit eine nachvollziehbare, datenbasierte Bewertung des eigenen Wellpappenbedarfs. Die Beispielrechnung demonstriert die praktische Anwendung.
Wellpappe ist das dominierende Verpackungsmaterial im B2B Umfeld. Sie ist leicht, stabil, recyclingfähig – und rückt damit zunehmend in den Fokus von Kostenmanagement, Nachhaltigkeitsstrategien und Berichterstattungspflichten.
Mit der CSRD und dem ESRS‑Standard E5 müssen viele Unternehmen erstmals den Materialeinsatz im Verpackungsbereich transparent ausweisen. Wellpappe spielt dabei eine zentrale Rolle – sie ist das meistgenutzte Verpackungsmaterial im B2B Umfeld, aber ihre tatsächliche Papierbedarfsstruktur ist oftmals nicht offensichtlich.
Viele Unternehmen wissen, dass ein hoher Anteil an Recyclingpapieren eingesetzt wird. Nur wenige können jedoch belastbar beziffern,
Dieser Beitrag zeigt praxisnah und nachvollziehbar, wie Sie ihren Materialeinsatz und Recyclingpapieranteil in Wellpappenverpackungen selbst berechnen können.
Wir als HGS führen u.a. solche Berechnungen standardmäßig für unsere Kunden durch. Nachfolgend zeigen wir beispielhaft die Vorgehensweise.
Die zentrale Frage:
Wie hoch sind Menge und Anteil der eingesetzten Recyclingpapiere im unternehmensspezifischen Bedarf an Wellpappenverpackungen?
Und damit verbunden:
Das Grundprinzip der Berechnung
Der Schlüssel liegt in der Verknüpfung externer Branchenstandards mit internen Verbrauchsdaten.
1. Externe Daten
Diese Daten sind öffentlich verfügbar und branchenweit anerkannt:
Diese externen Parameter sorgen dafür, dass die Berechnung vergleichbar, nachvollziehbar und prüffähig ist.
2. Interne Daten (unternehmensspezifisch)
Für jede eingesetzte Wellpappenverpackung werden benötigt:
Tipp aus der Praxis: Bereits mit wenigen Hauptartikeln lässt sich oft ein sehr belastbares Gesamtbild erzeugen.
Warum die Wellenart entscheidend ist
Ein häufiger Fehler in der Praxis: Wellpappe wird wie eine „glatte“ Papierlage behandelt. Tatsächlich benötigt das Wellenpapier durch seine Geometrie mehr Material.
Der Einzugsfaktor
Der sogenannte Einzugsfaktor (w) beschreibt diesen Mehrbedarf. Er wird aus
gemäß dem VDW-Standard abgeleitet und kann mit der Tenzer Formel berechnet werden:
w = 0,8 + 1,33 · (h / t)
Das Ergebnis ist ein dimensionsloser Faktor, z. B.:
Interpretation: Für eine B-Welle werden rechnerisch rund 42 % mehr Wellenpapier benötigt als für eine glatte Papierbahn gleicher Fläche. Da die Wellengeometrie von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich ist, bilden die Berechnungen einen Durchschnitt auf Basis des VDW-Standards ab.
Eine Liste der durch HGS berechneten Einzugsfaktoren für alle gängigen Wellenarten sowie die zugehörige Herleitung befindet sich am Ende des Beitrags.
Schritt 1: Aufbereitung der eigenen Daten
Diese Angaben müssen pro Artikel aufbereitet werden. Die einzelnen Papiere werden über die Sortenliste dem Frischfaser (FF) - oder Recyclingpapier (RP) zugeordnet.
Schritt 2: Papierbedarf pro Quadratmeter bestimmen
So berechnet sich das Papiergewicht pro m² Wellpappe:
Schritt 3: Gewichtsanteile pro Papierlage ermitteln
Für jeden Artikel wird das Gewicht jeder Lage ins Verhältnis zum Gesamtgewicht des Artikels gesetzt.
Im Beispiel für die Innendecke des Artikel #1: 120 / 441,9 = 27,1%.
Ergebnis:
Diese Anteile bleiben bei gleicher Konstruktion (Papiersorten, -grammaturen, Wellenart) pro Artikel konstant – unabhängig von der Stückzahl.
Schritt 4: Papiereinsatz im Betrachtungszeitraum berechnen
Um von den Werten pro Stück eines einzelnen Artikels auf die Werte je Artikel im Betrachtungszeitraum und von dort auf die Gesamtmenge aller Artikel im Betrachtungszeitraum zu kommen, muss das Gewicht in kg pro Stück mit der Menge im Betrachtungszeitraum multipliziert werden.
Im Beispiel für Artikel #1: 0,585 kg/St * 500.000 St. = 292.500 kg = 292,5 t.
In Summe beider Artikel beträgt der Papiereinsatz im Betrachtungszeitraum 412,9 t.
Schritt 5: Mengenanteil im Betrachtungszeitraum pro Lage berechnen
Pro Artikel wird der Papiereinsatz im Betrachtungszeitraum mit dem in Schritt 2 errechneten Prozentanteil je Lage multipliziert. So erhält man für jeden Artikel die Angabe, wieviel Tonnen je Papierlage im Betrachtungszeitraum eingesetzt werden.
Beispiel für Artikel 1: Einsatz 292,5 t x 27,1% Anteil der Innendecke = 79,3 t
Dadurch ergibt sich in Summe über die betrachteten Artikel die Gesamtmenge Papier (in Tonnen), differenziert nach
*Branchendurchschnitt gem. VDW in 2024
Ergebnis: Ein belastbarer Recyclingpapieranteil
Das Ergebnis ist eine klare Kennzahl:
Recyclingpapieranteil am gesamten Wellpappenbedarf (in %)
In dieser Beispielrechnung beträgt der Recyclingpapieranteil 48,4% und liegt damit deutlich unter dem Branchendurchschnitt von 81,8%.
Diese Kennzahl ist:
Typische Einsatzfelder der Ergebnisse
Unternehmen nutzen diese Berechnung u. a. für:
Fazit
Der Recyclingpapieranteil in Wellpappenverpackungen lässt sich ohne Blackbox Modelle berechnen – vorausgesetzt, externe Branchenstandards und interne Verbrauchsdaten werden sauber verknüpft.
Unternehmen, die diese Methodik anwenden,
Kontaktieren Sie HGS für weitere Informationen: info@hgs-info.net
Thomas Kollodzey, Handelsgesellschaft Sparrenberg mbH, Brokstraße 77, 33605 Bielefeld
Grafiken und Tabellen
European List of Corrugated Base Papers
High Performance Papiere wurden aus Gründen der Vereinfachung dem jeweiligen Basispapier (TL, TLW, WS) zugeordnet.Gleiches gilt für gestrichene Papiere, die in KLW und TLW eingehen.Sollten Sie Offset bedruckte Artikel einsetzen, die in der Decke einen GD-Karton verwenden, kann die Sortenliste bei den Recyclingpapieren um einen GD-Karton erweitert, oder die Mengen hilfsweise dem TLW zugeordnet werden.
Berechnung des Einzugsfaktors nach Tenzer
Die Liste der Wellenarten nach VDW liefert Ober- und Untergrenzen für die Wellenhöhe und Wellenteilung. (VDW 2015).
Tenzer Formel (Definition und Anwendung)
Die Formel geht auf H.-J. Tenzer, Professor für Papierverarbeitungstechnik an der TU Dresden, zurück und ist seit Jahrzehnten als anerkannte Rechengrundlage in der Papier und Wellpappenindustrie etabliert. (Tenzer 1989).
Die Konstante 0,8 bildet dabei den Grundanteil des Materialeinsatzes ab, während 1,33 den Einfluss der Wellengeometrie (Verhältnis h / t) gewichtet.
Anwendung der Formel: Die Werte für Wellenhöhe (h) und Wellenteilung (t) pro Wellenart werden in die Tenzer Formel eingesetzt.
Beispielrechnung: B-Welle
VDW Grenzwerte (Stand 2015):
Einsetzen in die Tenzer Formel:
w"B" = 0,8 + 1,33 · 2,65 / 5,65 = 0,8 + 1,33 · 0,4690 = 0,8 + 0,6238 = 1,4238
Die nachstehende Tabelle zeigt den durchschnittlichen Einzugsfaktor für die Wellenarten lt. „Liste der Wellenarten“ (VDW 2025), berechnet von HGS unter Verwendung der Formel von Tenzer. (Tenzer 1989).
Berechnet nach: Tenzer, Hans-Jürgen (1989): Leitfaden der Papierverarbeitungstechnik. Fachbuchverlag Leipzig. 1. Auflage. ISBN 3 343 00448 0.
Methodikhinweis (offene Grenzen, '<' und '≥') HGS: Die VDW‑Wellenliste enthält bei einzelnen Wellenarten offene Grenzen (z. B. G: h < 0,6; K: t > 10,0). Für eine nachvollziehbare Standardrechnung wird in diesem Arbeitsblatt der jeweils angegebene Grenzwert als Rechenbasis eingesetzt (z. B. bei 'h < 0,6' wird h = 0,6 verwendet). Das ist eine konservative Annahme in dem Sinne, dass der Einzugsfaktor dadurch tendenziell eher überschätzt als unterschätzt wird, sofern die reale Größe unterhalb bzw. oberhalb der Grenze liegt.
Verwendete Quellen:
(VDW 2015)
VDW – Verband der Wellpappen-Industrie e. V.
Verband der Wellpappen-Industrie e. V. (2015): Wellenarten nach VDW (Stand 2015).
PDF-Download:https://www.wellpappe-wissen.de/data/downloads/wellenarten_2015_1.pdf
(VDW 2025)
VDW – Verband der Wellpappen-Industrie e. V.
VDW – Verband der Wellpappen-Industrie e. V. (2025): Jahresbericht 2024/2025
Zitiert im Dokument: S. 5-7
PDF-Download:https://wellpappen-industrie.de/wp-content/uploads/2025/05/VDW_Wellpappe_Jahresbericht_2025_WEB.pdf
(Containerboard Europe 2025)
Containerboard Europe (vormals Cepi ContainerBoard)
Containerboard Europe (2025): European List of Corrugated Base Papers, deutsche Fassung, S. 19.
PDF-Download:https://containerboardeurope.org/wp-content/uploads/2025/06/European-List-of-Corrugated-Base-Papers-German.pdf
(Tenzer 1989)
Tenzer, Hans-Jürgen (1989): Leitfaden der Papierverarbeitungstechnik. Fachbuchverlag Leipzig. 1. Auflage.
ISBN 3 343 00448 0.
URL:https://books.google.com/books/about/Leitfaden_der_Papierverarbeitungstechnik.html?id=hBClAAAACAAJ

